Berge, Berge und nochmals Berge, dazu nur 450 Kilometer von Daheim weg! Klar dass der Schwarzwald eine der beliebtesten Regionen Deutschlands für mich ist.

Nachdem ich 2015 beim härtesten Radmarathon Deutschlands, dem SCHWARZWALD SUPER mit seinen 6500 Höhenmetern, erfolgreich an den Start ging, sollte es diesmal dessen „kleinerer“ Bruder werden. Gemeint ist der Schwarzwald Ultra Radmarathon, kurz SURM genannt. „Klein“ ist hier aber ein relativer Begriff, sind doch 238 Kilometer und 4070 Höhenmeter zu bewältigen, bevor man sich in das schicke Finisher-Trikot kleiden kann.

Am 17.09.2017 um 7:00 Uhr war es dann endlich soweit. In dem Städtchen Alpirsbach versammelten sich etwa 520 Radverrückte aus ganz Deutschland an der Startlinie, welche interessanterweise direkt neben eine Bierbrauerei gelegen war. Hopfen- und Malzduft in der Nase standen wir nun da im Morgengrauen und lauschten den Worten des Moderators. Der war entweder zu Scherzen aufgelegt oder hatte sich vorher im Braukeller kräftig einen gezwitschert. Faselte er doch etwas von SURMer Kaiserwetter! Bitte??? Stahlgrauer Himmel, eine vom nächtlichen Regen feuchte Straße und wohlige 7 Grad Celsius mögen womöglich auf Spitzbergen im Nordmeer schönes Wetter sein, aber ich hätte mich am liebsten wieder in mein Bett verkrochen. Spätestens hier hätte mir ein Licht aufgehen müssen, dass ich mich meteorologisch/klimatologisch beim falschen Event befand;) Aber sei es drum. Jetzt war ich schon mal da, dann konnte ich auch Radfahren.

Die ersten 50 Kilometer waren ein Sammelsurium unterschiedlichster kleiner und mittlerer Anstiege und den sich anschließenden Abfahrten. Die Topographie der Strecke hatte teilweise Ähnlichkeit mit einem EKG kurz vor’m Kammerflimmern. Jedoch hatte keines der daherkommenden Hügelchen und „Möchtegern-Mont-Ventoux“ mehr als 200 Höhenmeter am Stück zu bieten. Sie ließen sich also mehr oder weniger bequem fahren. Ausnahme bildete der Kniebis, der mit 380 Höhenmeter doch glatt einen Kopp größer war als alle anderen und auf die Schwarzwaldhöhenstraße führte. Glich das Wetter anfänglich noch einer Suppenküche, lugte zwischendurch dann doch tatsächlich mal unser Zentralgestirn durch die Baumwipfel und spendete den geschundenen und leicht angefrorenen SURM-Teilnehmern ermutigende 2-3 Grad Celsius mehr. Auf dem Weg durch die engen und mit tiefschwarzen Nadelwäldern ausgekleideten Tälern passierten wir die ein oder anderen Kurorte, die mal schön, mal schön scheiße waren. Besonders in Erinnerung blieb mir dabei Bad Rippoldsau. Wer hier in Kur geschickt wird, hat ein erstes Problem mit seinem Doc. In dem heruntergekommenen Drechsloch samt verlassener Kurhotelruine und schäbigem Kurpark hätte „Shining“ von Stephen King gedreht werden können. Wer hier nach 3 Wochen Kur nicht den Wunsch verspürt, mit der Axt Türen zu zertrümmern und mit imaginären Barkeepern zu reden, ist entweder extrem tiefenentspannt oder sanften Gemüts.

Aber zurück zum Rennen. Dieses näherte sich langsam aber sicher dem Höhepunkt, nämlich dem Schwarzwald-Riesen KANDEL. Zugegeben, auf dem Weg dorthin stellten sich zwar noch der Löscherbergwasen mit 319 Höhenmetern und der Höhenhäuser mit 310 Höhenmetern in den Weg, aber für alte Alpenhasen sind diese Teerblasen kaum erwähnenswert;) Obwohl….319 Höhenmeter auf etwas mehr als 3 Kilometern oder einfacher gesagt bis zu 20% Steigung nach 100 Kilometern schon Aua taten.

Nach 140 Kilometern war er erreicht. Kein schneebedeckter Gipfel oder ansehnliche Felsnadeln kündigen ihn an, nein der höchste Berg des Mittel- und Nordschwarzwaldes wird mit Sicherheit keinen Schönheitspreis gewinnen. Aber der von Kimme bis Scheitel bewaldete Erdhaufen hat es in sich. Der KANDEL wäre mit 1241 Metern Höhe im Alpenraum nicht mehr als ein Aussichtshügel. Aber hier überragt er alles und seine Nordrampe ab der Ortschaft Waldkirch hat hingegen wahres Alpenniveau!!! Auf 12 Kilometern Strecke sind ganze 970 Höhenmeter am Stück zurückzulegen. Macht über 8% Steigung im Schnitt und somit ähnliche Daten wie das nur unwesentlich berühmtere L’Alp d’Huez. Da die Serpentinen sich alle im dichten Wald den Hang raufschrauben, musste man jedoch keine Angst haben, dass man durch lästige schöne Aussichten abgelenkt wurde. Man war mit sich, seinen dicken Beinen und der Straße alleine. Eine Stunde und 7 Minuten dauerte der Spaß bis ich trotz kühlen 13 Grad nassgeschwitzt den Buckel erklommen hatte. Nach einer Verpflegungspause auf dem Gipfel ging es wieder steil hinab ins Tal.

Das Wetter hatte zwischendurch offenbar etwas Mitleid mit uns Radfahrern gehabt und auf Sonne mit wolkigen Abschnitten umgeschaltet. Nur die Kälte blieb uns erhalten.

Die folgenden 30-40 Kilometer ging es fortan stetig auf und ab über grüne Hügel langsam hinauf zum letzten großen Berg der SURM-Runde, dem THURNER. Letzteren, den ich schon vom Schwarzwald Super her kannte, weißt auf dem Papier stolze 1020 Meter Höhe auf. Jedoch ist sein Gipfel nichts weiter als eine plumpe Kreuzung zweier Panoramastraßen. Nicht weiter erwähnenswert.

Was jedoch eine Erwähnung wert ist, kann man kurz und knapp mit dem Begriff „widerlicher Wetterumschwung“ zusammenfassen. Einmal auf dem Thurner angekommen sah man es quasi kommen. Die eingangs erwähnten sonnig-wolkigen Abschnitte gehörten mittlerweile wieder in die Geschichtsbücher. Wir fuhren ab Kilometer 180 zielstrebig auf eine schwarze Wolkenwand zu, aus der ist sichtbar schiffte wie aus Kübeln. Interessanterweise hatte es diese Wetterkapriole irgendwie auf uns abgesehen. Rechts und links war blauer Himmel zu erkennen, aber die SURM-Richtungspfeile wiesen genau in das Usselswetter. Was soll man da machen……..rein in das VAUDE-Regenkondom und ab durch die Mitte. Im Nachhinein betrachtet hätte ich mir besser ne Ritterrüstung angezogen. Murmelgroße Eiskugeln, auch Hagel genannt, schlugen plötzlich auf mich und meinen Karbonrenner ein. Nun gut, mit blauen Flecken auf dem Oberschenkel und ner Gehirnerschütterung könnte ich ja leben, aber ein Lackkratzer auf meinem Radrahmen?……niemals. Ich gesellte mich daher zu einem Oberbayern an einer überdachten Bushaltestelle und gönnte mir ein zwanzigminütiges Zwangspäuschen. Der redselige Oberbayer beließ es bei der Wartezeit leider nicht mit einem Schwank aus seinem Leben, sondern er erzählte mir sein GANZES Leben. Ich glaube es zumindest…..Ehrlich gesagt habe ich erst nach 5 Minuten verstanden, dass er Deutsch mit mir redet: „Joa Moi, doa leg’s di nider! So’a Schmarrn…..“ usw. usw.

Zum Glück ging’s irgendwann dann doch noch nur bei strömendem Regen ohne Hagel weiter, andernfalls hätte ich doch glatt meinen kölsche Dialekt verloren.

Die letzten 30 Kilometer bis ins Ziel möchte ich lieber vergessen statt zu erzählen. Regen, Regen, Regen, maximal 10 Grad, Ziellinie, Fertig!!!

Das leckere Alpirsbacher Weizenbier im Ziel konnte mir gestohlen bleiben. Ich hätte den edlen Tropfen bei meiner Zitterei eh überwiegend verschüttet. 9:36 Stunden benötigte ich für die knapp 4000 Höhenmeter und 238 Kilometer, was einen akzeptablen 25er Schnitt ausmachte. Natürlich selbstgestoppt, da eine offizielle Zeitnahme im Bürokratie-Mekka Deutschland sowas von verboten ist :-(

Außer einer aufgeweichten Urkunde bleiben mir zwei Sachen des SURM in Erinnerung.

1.) Der Kandel ist für mich der schwerste Anstieg in Deutschland den ich kenne. Und ich wüßte auch nicht wer ihm sonst noch das Wasser reichen sollte.

2.) Der SCHWARZWALD SUPER ist unabhängig vom Wetter das landschaftlich und organisatorisch schönere Event. Er sollte dem SURM meines Erachtens vorgezogen werden. Größtes Manko bei der Verpflegung war, dass nichts für den Transport im Radtrikot geeignetes angeboten wurde. Kuchen, Suppen, Schmandbrötchen und geschnittenes Obst ist ja toll, aber wie soll das meine Waschmaschine bitte wieder aus dem Stoff bekommen, wenn ich das in die Rückentasche quetsche?!? Blieb einzig und alleine die Banane, die ich mir ungeschnitten auch noch erfragen musste.

Schade drum! Ein schönes, aber ausbaufähiges Event :-)

Jetzt heißt es nur noch:  Arrivederci Radsaison 2017!!! Hola mist Winterzeit :-( :-( :-( :-(

Mal schauen was nächstes Jahr so geht……Bis dahin…..Kette rechts!

Dirk Gütte, Erkelenz 30. September 2017