Wir schreiben das Jahr 2016, bereits seit November 2015 stand ich auf der restlos ausverkauften Starterliste für die Jedermann Veranstaltung der Flandernrundfahrt, welche einen Tag vor der 100. Austragung des Profirennens stattfinden sollte. Viele Trainingskilometer bei kaltnassen Januar und Februar Bedingungen wurden absolviert und nicht zuletzt hatte ich mir mit meinem neuen BMC Granfondo einen wahren Frühjahrsklassiker Boliden aufgebaut. Des Weiteren war aus familiären zeitlichen Gründen bereits früh im Jahr klar, dass die Frühjahrsklassiker die einzigen Highlights der Radsaison darstellen würden. Wenige Tage vor dem großen Tag kam über Nacht der „Hammer“ - Diagnose Virusinfekt. Völlige Leere und groß Enttäuschung, aber selbst an eine lockere und flache 50km Runde war nicht zu denken.

Ein Jahr später sollte nun alles anders werden. Erneut standen wir als Frühbucher auf der Starterliste und hatten uns sogar eine B&B Unterkunft in der Nähe von Oudenaarde gegönnt. Nur wenige Tage nach meiner Rückkehr aus dem Trainingslager, fuhren wir Freitagnachmittags zu dritt Richtung Ostflandern. Nach einem ordentlichen Pasta-All-U-Can Essen am Vorabend klingelte der Wecker pünktlich um 6 Uhr. Der vom Wirt versprochene und angekündigte Nieselregen begleitete uns zum Start. Wind, Regen und Pflastersteine – die drei Merkmale dieses belgischen Radsportmonuments sollten zumindest für die erste Stunde unser Begleiter sein. Auf dem Programm standen insgesamt 143 Kilometer gespickt mit über fünfzehn bekannten „Hellingen“ (dt.: Anstiege) und etlichen flachen Kopfsteinpflasterpassagen mit bis zu drei Kilometer Länge.

Startort war der Kubus in Oudenaarde, so dass uns ein Rücktransfer per Bus (nur auf der Langdistanz) erspart blieb. Bereits um die Uhrzeit war klar, dass uns dieses Event mit 16.000 Teilnehmern aus 56 verschiedenen Nationen ein richtiges Radsportfest auf die Strecke zaubern sollte. Wohin man auch schaute, waren Radfahrer aus allen Ländern Europas, insbesondere aus dem Vereinigten Königreich zu sehen. Es dauerte auch keine zehn Kilometer bis mit dem Wolvenberg, der erste namhafte Anstieg zu erklimmen war. Verteilt auf gerade einmal 700m, aber mit einer maximalen Steigung von 17,3% war man spätestens zu diesem Zeitpunkt hellwach. Bis zur ersten Verpflegungsstation bei Kilometer 30 folgten nur wenige Höhenmeter, aber umso mehr richtig fiese Kopfsteinpflasterpassagen - Ruiterstraat, Kerkgate und die 2,3km lange Paddestraat sorgten bereits zu diesem Zeitpunkt für eine leicht genervte Stimmung auf dem Rad und für viele verlorene Utensilien abseits der Straße. Nach der obligatorischen belgischen Verpflegung (Honigkuchen, Honig, Karamellwaffeln, Bananen und Orangen und süffigem Decathlon Isogetränk) folgte eine ganze Reihe von heftigen Anstiegen, welche zum einen Teil auf Asphalt und zum anderen Teil auf Kopfsteinpflaster gemeistert werden mussten – Leberg, Berendries, Ten Bosse, Valkenberg und Eikenberg waren die namhaftesten in dieser Reihe. Erneut folgte eine Kontrolle nach circa 80 Kilometern bevor das erste Highlight winkte – der legendäre Koppenberg. Lediglich 500m lang, allerdings mit einer Durchschnittssteigung von 9,4% und 22% an der steilsten Stelle auf feucht moosigem Kopfsteinpflaster die absolute Herausforderung. Hier kämpften bereits Legenden wie Eddy Merckx gegen ein Absteigen und Schieben. Mit richtigem Dampf und voller Elan fuhr ich also in diesen Scharfrichter hinein und sah von weitem schon das Pilgervolk. An der steilsten Stelle stand mittig zum Weg (Straße kann man das nicht nennen) ein großes BMW Motorrad und versperrte den Weg. Links und rechts schoben notgedrungen Fahrer verschiedener Leistungs- und Gewichtsklassen ihre Räder hinauf. Um also einem Umkippen im dichten Gedränge entgegen zu wirken, klickte ich ebenfalls aus und schob die letzten 150m das Rad hinauf. Sehr ärgerlich. Mehrere kleinere Anstiege passierte man im weiteren Streckenverlauf zu denen auch der unangenehme Taaienberg und der Kanarieberg zählten. Im Vergleich zu deren Vorgängern konnte man hier auf schmale Rinnen abseits des Kopfsteinpflasters ausweichen, insofern einem die „Schildkröten“ den notwendigen Platz ließen. Die letzte Kontrolle erfolgte nach 108 Kilometern. Die Beine waren noch mehr als frisch, der Rücken und vor allen Dingen die Arme und Hände meldeten sich aufgrund des „kultigen“ Untergrunds allerdings mit den ersten Schmerzen. Es folgten zunächst drei kurze und nicht allzu steile Anstiege, bevor mit dem Oude Kwaremont der vorletzte und auch längste (2,2km) Anstieg des Tages auf dem Programm stand. Für Peter Sagan sollte dieser Anstieg am darauf folgenden Tag fatale Folgen für den Rennausgang haben. Ich fuhr den Anstieg relativ flott und locker hoch, da mit einer Durchschnittssteigung von gerade einmal 4% die Brisanz wieder einmal am schlechten Untergrund lag. Rinnen zum Ausweichen gab es nicht viele, Zuschauerbarrieren hingegen schon sehr viele, so dass man enorm aufpassen musste. Mit viel Tempo ging es von dort zum letzten Scharfrichter und Highlight des Tages – dem Paterberg. Ebenfalls nur 400m lang, allerdings mit einer Durchschnittssteigung von 12,9%, historisch gepflegtem Kopfsteinpflaster und einer steilsten Stelle von 20,3% gab es nur einen Gedanken: hier schiebst Du nicht! Im unteren Bereich hatte der Veranstalter wie an so vielen Stellen Schilder auf gehangen, auf denen rechts eine Schildkröte und links ein Hase dargestellt war. Nach circa 200m im Anstieg und heftigsten „Cobbles“ winkte die steilste Stelle. Leider hatten auch hier, wie so oft an diesem Tage die meisten Fahrer das Hinweisschild übersehen. So fuhr ich zick zack an den meisten „Schiebern und Langsamfahrern“ vorbei. Plötzlich zog ein Fahrer rüber in meine linke „Hasen“ Spur. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, stütze mich mit einer Hand so gerade noch an einem Absperrgitter ab und rief „Turtles on the right“. Neben der Strecke brach Gelächter aus und zum Glück zog der Fahrer wieder auf seine Spur rüber. So konnte ich den Paterberg, wenn auch mit viel Adrenalin und richtig Puls bis oben durchziehen. Die Höhenmeter waren absolviert.

Kurz danach überholte mich eine flotte Gruppe von fünf Fahrern. Ich nutzte die Gelegenheit und hängte mich in den Windschatten. Mit viel Konzentration, aber gemäßigtem Herzschlag ging es dann mit Tempo 40+ die letzten 14 Kilometer zurück nach Oudenaarde. Völlig eingesaut und ziemlich durchgerüttelt überfuhr ich nach 5 Stunden und 23 Minuten Nettofahrzeit die offizielle Ziellinie und wartete dort auf meine beiden Mitstreiter.

Nach Lüttich-Bastogne-Lüttich habe ich mit der Ronde van Vlaanderen das zweite von insgesamt fünf Radsportmonumenten abgeschlossen. Aber auch nach 14 Tagen Abstand steht trotz hervorragender Organisation, Verpflegung und Streckenausschilderung fest: ein Wiederholungstäter werde ich nicht. Denn auch wenn ich an diesem Tag im Vergleich zu über 100 (!!!) flickenden Fahrern abseits der Strecke Glück hatte, nochmal mute ich das meinem Material nicht zu. Einmal Vlaanderen reicht!

 

Jörg Pferdmenges